Europäischer Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung

05.05.25

Worum es geht

Vor zwei Tagen war der 5. Mai, der Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung. Dazu hielten wir eine Kundgebung vor dem Rathaus in Winsen. Weil wir laut sein müssen: Menschen mit Behinderung sind auch heute noch nicht gleichberechtigt. Nicht im Alltag. Nicht im Gesetz. Nicht im System.

Es geht darum, die Kluft zwischen dem im Grundgesetz verankerten Anspruch der Gleichberechtigung für alle Menschen und der Lebenswirklichkeit Stück für Stück zu überwinden.

#wirsind10millionen

Fast jede achte Person in Deutschland lebt mit einer Behinderung, jeder zehnte mit einer Schwerbehinderung. Das sind alleine in Deutschland ca 10,3 Millionen Menschen mit einer amtlich anerkannten Behinderung Doch statt Barrieren abzubauen, bauen wir sie oft noch auf. Stufen, Formulare, Vorurteile und Sonderwege. All diese Dinge können im Alltag Schwierigkeiten verursachen, oder die Teilhabe an bestimmten Veranstaltungen oder Aktivitäten unmöglich machen.

Und das passiert ständig: Zu viele Stühle auf dem Gehweg vor den Cafés in der Stadt Fehlende oder abgenutzte Blindenleitsysteme? Unangemeldet Bahn fahren? Defekte Aufzüge am Bahnhof oder in der Wohnung? Stufen vor der Schule oder vorm Club? All diese Dinge nehmen Menschen ohne Behinderung kaum war, aber sie machen die Teilhabe an der Gesellschaft und das alltägliche Leben für Menschen mit Behinderung schwer und teilweise sogar alleine unmöglich. Für viele bedeutet das, nicht dabei sein zu können, obwohl sie es gerne wären.

Was ist Ableismus

Ableismus bedeutet: Menschen mit Behinderung werden abgewertet, ausgeschlossen oder übergangen und das nicht trotz, sondern wegen ihrer Behinderung Ableismus zeigt sich in vielen Formen:

  • Wenn Menschen mit Behinderung bemitleidet oder bewundert statt ernst genommen werden
  • Wenn man ihnen weniger zutraut, egal ob beruflich, gesellschaftlich oder menschlich.
  • Oder wenn die Menschen im Umfeld ohne darüber nachzudenken, davon ausgehen, dass alle einfach funktionieren wie der Durchschnitt.
    Ableismus ist tief in unserer Gesellschaft verankert. Egal ob in Sprache, Systemen oder Erwartungen. Ganz egal ob bewusst oder unbewusst, die Wirkung bleibt die gleiche: Menschen werden kleingehalten, obwohl sie Größe zeigen. Echte Inklusion heißt: Hören, statt zu sprechen. Räume schaffen, statt Grenzen zu setzen. Denn Fakt ist: Behinderung ist keine Ausnahme. Sie gehört zum Leben. Und solange unsere Gesellschaft so tut, als müsste man sich anpassen, statt Barrieren abzubauen, bleibt Inklusion nur ein schönes Wort.

Die Arbeit in Werkstätten

In Deutschland arbeiten über 300.000 Menschen mit Behinderung in Werkstätten für durchschnittlich 1,35 € pro Stunde. Weil sie rechtlich als ,,Rehabilitand:innen“ gelten, bekommen sie keinen Mindestlohn. Viele von ihnen schätzen die Gemeinschaft dort, aber weniger als 1% schaffen den Sprung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Nicht, weil sie es nicht wollen, sondern weil es kaum echte Übergänge und zu wenig inklusive Arbeitgeber gibt. Über 175.236 schwerbehinderte Menschen sind stand 2023 arbeitslos.

Inklusion ist individuell

Es ist höchste Zeit, dass mehr Unternehmen bereit sind, Chancen zu geben. In einer idealen Welt wären alle Arbeitsplätze individuell, doch wir brauchen sowohl Schutzräume wie Werkstätten, als auch mehr Unternehmen, die bereit sind, Menschen mit Behinderung einzustellen, zu begleiten und ihnen berufliche Entwicklung zu ermöglichen. Stattdessen zahlen die meisten Unternehmen weiterhin lieber Ausgleichszahlungen, als Menschen mit Behinderung einzustellen. Inklusion darf kein Sonderfall bleiben.

Inklusion in der Politik

Und trotzdem wird Inklusion und Teilhabe von Menschen mit Behinderung grade in der Politik oft wie ein Bonus behandelt und damit (im Vergleich zu anderen Themen) eher als „Luxus“ angesehen, wie etwas, das ,,auch noch“ erfüllt werden kann, wenn eben Zeit und Geld übrig sind. Auch die neuen Wahlergebnisse machen Menschen mit Behinderung Angst. Eine Umfrage zeigt, dass 67 % der Menschen mit Behinderung befürchten, dass ihre Belange von Politiker*innen in der neuen Legislaturperiode weniger beachtet werden. Zudem erwarten viele eine Zunahme von Behindertenfeindlichkeit. Das ist leider kaum verwunderlich, da laut aktuellen Umfragen ca 24% der Deutschen eine Partei wählen würden, deren Vorsitzender im Thüringer Landtag Inklusion als einen ,Irrweg“ bezeichnet.


Aber: Gleichstellung ist kein Extra. Sie ist ein Grundrecht. Verankert in der UN Behindertenrechtskonvention, und Deutschland hat sich dazu verpflichtet strukturelle Diskriminierung von Menschen mit Behinderung zu bekämpfen und Barrieren im Alltag zu beseitigen.

Übergriffe verhindern

Auch sexuelle Gewalt gegen Menschen mit Behinderung anzusprechen ist ein massives Tabu. Dabei sind solche Übergriffe ein großes Thema und erschreckend häufig. Studien zeigen: Frauen mit Behinderung erleben bis zu dreimal häufiger sexualisierte Gewalt als Frauen ohne Behinderung. Besonders betroffen sind Menschen mit kognitiven oder mehrfachen Beeinträchtigungen, besonders oft in Einrichtungen, wo die Abhängigkeit groß ist und Schutz fehlt. Viele Betroffene können sich nicht wehren oder werden nicht ernst genommen. Barrieren in Sprache, Aufklärung und Justiz verhindern, dass sie Hilfe bekommen.

Schutz vor Übergriffen ist kein Extra, sondern ein Recht. Es braucht Prävention, sichere Räume und Strukturen, die Betroffene stärken, nicht übersehen.

Was fordern wir?

Freien Zugang zu allen Räumen, keine Extrawege. Einfach: überall ganz selbstverständlich dabei sein. In Kita, Schule, Ausbildung, Arbeit, Freizeit, Politik, Nachbarschaft. Ohne Barrieren – auch nicht in den Köpfen.

  • Mindestlohn auch in Werkstätten
  • Barrierefreiheit in allen Lebensbereichen
  • Ende des Ableismus, in Sprache, Gesetz und Alltag
  • Respekt und echte Teilhabe.